Stadttheater Giessen
    Sakrales farbig und kontrastreich umgesetzt

    Sakrales farbig und kontrastreich umgesetzt


    3. Sinfoniekonzert im Stadttheater mit Werken von Barber, Bernstein und Mendelssohn-Bartholdy

    Mit ungewöhnlichem Programm lockte das dritte Sinfoniekonzert am Dienstag die Musikfreunde ins Stadttheater. Die dunkle Jahreszeit wird dort traditionell gern mit geistlich akzentuierten Chorwerken erhellt.
    Dafür hatte sich Chordirektor Jan Hofmann Besonderes aus der Musikliteratur ausgesucht - und für Publikum, Orchester und Sänger Neuland geboten. So in Leonard Bernsteins Auftragswerk für das Kirchenmusikfest im englischen Chichester: die »Chichester Psalms« (1965) wurden auf Hebräisch gesungen. Das zweite chorbetonte Werk war Felix Mendelssohn Bartholdys »Lobgesang«-Sinfonie Nr. 2 B-Dur. Der dritte Komponist des Abends mit jüdischen Wurzeln, der US-Amerikaner Samuel Barber, war mit seinem populärsten Stück vertreten, dem »Adagio for Strings« op.11 (1938).

    Zum Auftakt gab es ebenfalls Ungewöhnliches zu erleben: Die 22-jährige Frankfurter Musikstudentin Nadezhda Rousseva erwies sich als Meisterin am Marimbafon. Virtuos ließ sie die vier Schlegel über die Holzstäbe wirbeln und die metallenen Resonanzrohre darunter heiß werden im 2. Satz aus dem Konzert für Marimba und Streicher von Emmanuel Séjourné. Die bereits mit vielen Preisen bedachte Bulgarin imponierte mit präzisem Schlag, schwingendem Sound und Sensibilität für Zwischentöne. In den langsamen Passagen entlockte Rousseva dem dunkel und voll klingenden Instrument geradezu mystische Klänge. Die Philharmonie unter Jan Hofmann bot dem rhythmusbetonten Spiel Paroli. Stürmischer Beifall für ein auch optisch ästhetisches Ereignis.

    Das elegische »Adagio for Strings« von Sa- muel Barber wirkte zu Beginn klanglich ein wenig spröde, doch die Streicher gewannen zunehmend an »Seide«, während sich das romantische Kernmotiv in Wellenbewegungen zur Klimax entwickelte. Den schwebenden Gesamteindruck lockerten einzelne Elemente wie etwa die Hervorhebung der Celli auf; Hofmann verzichtete auf allzu plakative Dynamik. Barbers Satz ließ er - durchaus gültig - zu einer Art Vorspiel mutieren im pausenlosen Übergang zu Bernsteins »Chichester Psalms« mit ihrem lebhaften Aufruf zum Lobpreis (Psalm 18, Vers 2). Das tonal angelegte Werk mit abgewandelten Eigenzitaten aus den Musicals, mit rhythmischen Reibungen und deklamatorischen Schilderungen hat knifflige Aufgaben für Sänger und Instrumentalisten parat. Die Auswahl der Psalmen bietet in textlicher und musikalischer Hinsicht Kontrastwirkungen und reibungsreiche Harmonik. Bedeutsam in dem ursprünglich für Männer- und Knabenchor komponierten Opus ist ein schlichtes Solo für Knabenstimme. Für den indisponierten Robert Schmidt war Georgia Benner eingesprungen, deren klare Stimme durchaus knabenhaft wirkte. Mit bewundernswerter Ruhe und Wohlklang löste sie ihre Aufgabe.

    Keine Alltagskost für den Chor des Stadttheaters, den Gießener Konzertverein und die Wetzlarer Singakademie waren die schnellen Rhythmuswechsel und deklamatorische Eigenheiten wie etwa der abrupt einsetzende Tumult der Ungläubigen nach dem friedlichen Lento. Die Sänger waren stets voll konzentriert; lediglich bei den Männern gab es kleine Schwächen in der Intonation. Sehr gelungen die A-cappella-Stelle der Chöre. Hofmann führte mit weit ausholenden Gesten durch das kompakte und spannungsvolle Werk.

    Das aufstrebende Posaunensignal des Beginns zieht sich durch Mendelssohn Bartholdys »Symphonie-Cantate« und bildet auch den Schluss. Hofmann führte seine Musiker mit der erwarteten Souveränität durch das Werk, eine interessante Mischform aus Sinfonik und Chorwerk mit drei Solostimmen. Formal wird häufig Bezug genommen auf Bachsche Strukturen; aufhorchen ließen etwa das melancholische Bläsermotiv in dem markanten Jubelthema oder die kunstvolle Verflechtung aus elegantem Walzer und Choral. Sangliche Legati, dramatische Steigerungen, Fugen und wuchtige Tutti in den Chören - ein sehr farbiges Werk. Das gilt auch für die Aufgaben der beiden Soprane, hier Odilia Vandercruysse (mit etwas Höhenschärfe) und Carla Maffioletti. Andreas Karasiak setzte seinen wohlklingenden Tenor flexibel ein und vergegenwärtigte die Inhalte in lebhaftem Vortrag; lediglich das bedeutsame »Hüter, ist die Nacht bald um?« hätte mehr innere Dramatik suggerieren dürfen. Insgesamt ein dynamisches und geschlossenes Klangbild.
    Ausgiebiger, herzlicher Schlussbeifall bestätigte ein intensives Erlebnis.
    Olga Lappo-Danilewski, 4.11.2010, Gießener Allgemeine Zeitung